Inschriften im Römischen Reich

Lateinische Inschriften sind für das Verständnis der römischen  Lebenswelt und Geschichte von besonderem Quellenwert. Als unmittelbare Hinterlassenschaft der Antike sind sie sprechende Zeugnisse einer Kultur, die Europa maßgeblich geprägt hat. Wie keine zweite Quellengattung repräsentieren Inschriften Bevölkerungsgruppen und Siedlungsräume, die weder in der literarischen Überlieferung mit ihrem Fokus auf das Kernland des Imperium Romanum und die führenden Gesellschaftsschichten entsprechenden Niederschlag finden, noch in archäologischen Befunden und Funden adäquat greifbar sind.

Vereinzelt seit den Anfängen Roms, in bedeutender Zahl dann ab augusteischer Zeit und die gesamte römische Kaiserzeit hindurch bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. begleiten lateinische Inschriften die Geschichte der Stadt Rom und ihrer Provinzen. Als omnipräsentes Medium spiegeln sie alle Facetten menschlicher Kommunikation wider: Ob gemeißelte Grabinschrift aus Nordafrika, die Einlösung eines Gelübdes für die Matronen am Niederrhein oder auf spanischen Amphoren aufgepinselte Gewichtsangaben; ob Besitzerinschrift auf römischem Sklavenhalsband, obszöne Graffiti an den Häuserwänden Pompejis oder Straßenbauinschrift an einer Felswand in Syrien – so vielfältig wie Form und Material des Inschriftenträgers sind auch die Texte selbst.

Die lateinische Epigraphik hat sich das Sammeln, Lesen, Klassifizieren und Deuten dieser Inschriften, sodann ihre Edition und Kommentierung zur Aufgabe gemacht. Sie erschließt die geographisch oder inhaltlich systematisch gegliederten Textsammlungen durch Indizes und Konkordanzen. Gerade diese Arbeitsschritte erfahren durch Datenbanken und digitale Editionen mehr und mehr Erleichterung. Angesichts des disparaten Quellenmaterials ist die Epigraphik immer darauf angewiesen, ihre Techniken vor dem Hintergrund der jeweiligen historischen Fragestellungen und unter Berücksichtigung der einschlägigen Methoden zur Anwendung zu bringen. Die Arbeit an Inschriften kann also nur im Zusammenwirken verschiedener Disziplinen sinnvoll betrieben werden und stellt damit ein übergreifendes altertumswissenschaftliches Forschungsanliegen dar. In enger Verzahnung mit der Archäologie und der historischen Topographie gelingt die Beurteilung des Inschriftenträgers und seines Fundzusammenhangs sowie möglicher späterer Verwendungen. Die Inschriften selbst sind zentraler Gegenstand der Paläographie, deren vergleichende Schriftanalysen zentrale Anhaltspunkte für eine zeitliche wie räumliche Klassifizierung geben. Die Philologie trägt zur Textkonstituierung und Einordnung in den literarischen und sprachgeschichtlichen Kontext bei. Mehr und mehr macht sich die Epigraphik auch Methoden moderner Sozial- und Kommunikationswissenschaften zu eigen. Dies gilt für Fragen, die auf die Repräsentativität von Inschriften oder die Auswahl der in ihnen kommunizierten Nachrichten zielen, wie auch für die sich in ihnen spiegelnden Verhaltensweisen bestimmter sozialer Gruppen.

Im Gegenzug sind die altertumswissenschaftlichen Disziplinen allesamt zentral auf die Ergebnisse der epigraphischen Grundlagenforschung angewiesen. Nur die Inschriftenfunde erweitern den antiken Textbestand im Hinblick auf das gesamte Imperium Romanum heute noch nennenswert. Ganze Zweige der Altertumswissenschaften basieren größtenteils auf diesem Quellenfundament. Das sind von alters her die Prosopographie oder die Forschung zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Studien zur Verwaltung und dem römischen Militär und in zunehmendem Maße etwa auch die Religionsgeschichte. Wo die literarische Tradition schweigt, bruchstückhaft überliefert ist oder, wie in der Geschichtsschreibung zum 3. Jh. n. Chr., selektiv Auskunft gibt, vermögen epigraphische Zeugnisse, diese Lücken bisweilen zu schließen, oder lassen die literarische Überlieferung in ganz neuem Licht erscheinen. Dasselbe gilt für die Archäologie, in der Befunde häufig erst durch darin vergesellschaftete schrifttragende Artefakte historisch zum Sprechen gebracht werden können. Schließlich begreift auch die Lexikographie, die ihren Ausgang von der handschriftlich tradierten Literatur nimmt, die epigraphischen Zeugnisse als gleichwertige und bisweilen nur durch den Zufall der Überlieferung unterschiedene Grundlage. Es erstaunt daher nicht, dass der Thesaurus linguae Latinae, das umfassende Wörterbuch der lateinischen Sprache, von Anfang an enge Kontakte zum Corpus Inscriptionum Latinarum pflegte: Gerade in der Gründerzeit des Thesaurus hatten die Herausgeber des CIL am Entstehen dieses großen Lexikons persönlichen Anteil. Über die engeren Grenzen der Altertumswissenschaft hinaus profitiert aber etwa auch die Romanistik von der einzigartigen Dokumentation des Vulgärlateins in der Epigraphik. Für die modernen Sozial- und Kommunikationswissenschaften schließlich liefern die Inschriften ein noch lange nicht ausgeschöpftes Potenzial zur Erprobung und Ausweitung ihrer Methoden.